Dieser Roman ist der Auftakt zu einer der bekanntesten und besten Sci-Fi-Trilogien, in denen es um den Mars geht.

Auf zum Mars
Im Jahr 2026 wird das erste Kolonieschiff zum Mars geschickt. 100 ausgewählte Personen, überwiegend entweder aus den USA oder aus Russland, befinden sich an Bord. Das Ziel ist natürlich, eine dauerhafte Siedlung auf dem Roten Planeten zu gründen.
Doch als die Gruppe angekommen ist, zeigt sich bald, dass es verschiedenste Interessen gibt. Es gibt solche, die den Planeten möglichst unverändert lassen wollen, und solche, die ihn am liebsten sehr schnell terraformen möchten. Schon bald zeigt sich, dass einige Personen vor heimlichen Taten nicht zurückschrecken. Oder noch schlimmer, noch nicht mal vor Mord.
Mit Roter Mars liegt jetzt die Neuauflage des gleichnamigen Romans von Kim Stanley Robinson vor. Das Buch erschien ursprünglich 1992 in den USA und sollte, gemeinsam mit seinen Nachfolgern Grüner Mars und Blauer Mars, sehr schnell weltbekannt werden. Und wenn man den Band das erste Mal liest, dann kann man das sehr gut nachvollziehen.
Ein Mord zum Anfang
Kim Stanley Robinson selbst wurde am 23. März 1952 in Waukegan, Illinois, USA geboren. Er erlangte 1974 einen Bachelor-Abschluss in Literatur an der University of California, San Diego und ein Jahr darauf einen Master-Abschluss in Englisch an der Boston University. 1982 setzte er noch einen Doktortitel im selben Fach oben drauf. In seiner Doktorarbeit beschäftigte er sich mit den Werken von Phillip K. Dick. Seine Karriere als Schriftsteller fing dann zwei Jahre später an, als er die Kalifornien-Trilogie zu schreiben begann. Seinen Durchbruch konnte er schließlich mit der anschließenden Mars-Trilogie feiern.
Kim Stanley Robinson fängt Roter Mars mit einem klug eingefädelten Mord an, der in der Chronologie der Geschichte deutlich später spielt. Und anstatt direkt daran anzuknüpfen, springt er zum Anfang zurück, zu dem Zeitpunkt, als die ersten 100 zum Mars reisen. In diesem Abschnitt lernt man die ersten Protagonisten kennen und sieht, wie sich überall Bruchlinien auftun, die dann später von Relevanz sind. Und man erfährt von der Existenz eines blinden Passagiers.
Und so liest man in den darauffolgenden Kapiteln, wie sich die marsianische Gesellschaft entwickelt. Dabei bleibt der Autor nicht bei einem Protagonisten, aus dessen Sicht man alles erfährt. Stattdessen wird jeder Abschnitt aus der Perspektive einer neuen Person erzählt. Zwar einer, von deren Existenz man schon vorher erfahren hat, aber es ist dennoch ein neuer Blickwinkel.
Alles, nur kein Desaster
Und trotzdem kommt nicht das Gefühl auf, dass es mit jedem Erzählerwechsel zu einem Bruch in der Narration kommt. Im Gegenteil: Durch jeden Wechsel wird die Handlung enorm weiter ausgebaut. Weil hierdurch neue Perspektiven hinzukommen, die die Ereignisse weiter ausbauen und interessanter gestalten.
Es hilft außerdem, dass jeder von den ersten 100 irgendwie einen psychischen Knacks hat. Wie diese Leute es überhaupt geschafft werden, zum Mars geschickt zu werden, wird dann gleich im zweiten Handlungsabschnitt erklärt. Aber so hat man ein Sammelsurium an Exzentrikern und Leute mit einer psychischen Krankheit. Eine Handlungsträgerin ist bipolar, ein anderer abhängig von einer bestimmten Droge, derweil ein dritter sich als fröhlicher Anarchist entpuppt.
Eigentlich könnte man meinen, dass dies alles Zutaten für ein Desaster sind. Dass durch diese unterschiedlichen Persönlichkeiten und Interessen es früher oder später bestenfalls zu einem Krach kommt, schlimmstenfalls vielleicht sogar zu einem Bürgerkrieg. Doch das Erstaunliche ist, dass die Besiedlung und Entwicklung des Mars trotz aller Ereignisse voranschreitet. Eben weil dieses Gemengelage aus verschiedensten Interessen und stellenweise Intrigen trotzdem dafür sorgt, dass der Mars immer lebensfreundlicher wird. Auch wenn man teilweise liest, dass sich einige Gruppierungen bewusst von den anderen abschotten.
Keine strahlenden Helden
Das Desaster kommt erst später. Und es entsteht weniger dadurch, dass die Marsbewohner sich gegenseitig bekämpfen, sondern durch die Erde. Und eben durch den Mord vom Beginn des Romans, weil hier eine Person ums Leben kommt, deren Charisma lange Zeit die Katastrohe, die sich nach seinem Ableben entwickelt, verhindert hat.
Man wird schnell von dem Buch wie gefesselt sein. Eben weil Kim Stanley Robinson keine strahlenden Helden schreibt, sondern Charaktere mit Ecken und Kanten. Er schafft es sogar, dass man die Motivation der Person, die im ersten Abschnitt den Mord einfädelt, nachvollziehen kann. Es gibt also unter den Handlungsträgern keine eindeutigen Protagonisten, aber ebenso keine eindeutigen Antagonisten. Was ebenfalls für diesen Roman spricht.
Roter Mars entwickelt schnell einen Sog, dem man sich nicht entziehen kann. Eben wegen dieser unterschiedlichen Charaktere, deren Schicksal man miterlebt. Man fiebert mit, man trauert, wenn dann einige von ihnen sterben. Und am Ende kann man es kaum warten, bis man die Fortsetzung in den Händen hält.
Es ist ein grandioser Roman. Einer, der den eigentlich ausgelutschten Begriff „Klassiker“ mehr als verdient hat.
Info
Autoren: Kim Stanley Robinson
Originaltitel: Red Mars
Übersetzung: Winfried Petri, Elisabeth Bösl
Verlag: Heyne
Erschienen: 09/2025
Einband: Taschenbuch
Seiten: 816
ISBN: 978-3-453-32368-1
Sonstige Informationen: Produktseite
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